Natur als außersoziale Tradition

 

Der Techniksoziologe Ingo Schulz-Schaeffer weist darauf hin, dass mittlerweile das „Attribut ‚natürlich‘ als Gegenbegriff für all das [fungiert], was als verändernder Eingriff in gewohnte und als unproblematisch vorausgesetzte Lebensumstände thematisiert wird. Der Begriff der Natur verschmilzt mit dem Begriff der Tradition“[1]. Angesichts der zunehmenden Unmöglichkeit, Natur quasi-räumlich von einer kulturellen oder technischen Sphäre abzugrenzen, wird Natur damit immer mehr zu einem zeitlichen Begriff.

Mit seiner Hilfe wird die Sphäre des Gewohnten und traditionell Erwarteten von den Unwägbarkeiten einer unbekannten Zukunft kulturell geschützt. Wer sich heute auf Natürlichkeit beruft, meint eigentlich die Vertrautheit der Lebenswelt. Aus phänomenologischer Perspektive kann die Lebenswelt als unhinterfragter Boden, auf dem Subjekte stehen, um sich in ihrer Umwelt orientieren zu können, betrachtet werden. Sie ist der vertraute Teil der Welt, der nicht problematisiert wird. Sie fungiert als Set unhinterfragten Hintergrundannahmen, welches es überhaupt erst erlaubt, sich dem Unvertrauten zu nähern – und es gegebenenfalls zu hinterfragen.

Im Prozess der Modernisierung wird die Lebenswelt jedoch selbst als kontingent erfahren und damit problematisierbar. Je weiter nämlich in der Moderne Sinnsphären auseinanderdriften und die eigene Kultur als Kultur unter anderen begriffen werden muss, desto eher wird deutlich, dass die eigenen Vertrautheiten die Unvertrautheiten der Anderen sind – und umgekehrt.

Der Rückgriff auf Natürlichkeit zur Verteidigung lebensweltlicher Vertrautheiten erscheint so in einem neuen Licht. Natur verschafft einen sozial kaum verhandelbaren Maßstab, der jenseits der Kontingenzen des Sozialen zu liegen scheint.

[1] Schulz-Schaeffer, Ingo (2000): Sozialtheorie der Technik. Frankfurt am Main, New York: Campus, S. 36.