Spätestens seit den Thesen Ulrich Becks zur Risikogesellschaft, also seit etwa 30 Jahren, sind sich wandelnde Natur-Gesellschafts-Verhältnisse ein zentrales Thema sozial- und geisteswissenschaftlichen Denkens geworden. Aus der Perspektive dieser Disziplinen mag der gegenwärtige Diskurs um das Anthropozän in erster Linie als Hype erscheinen, der lediglich zu demonstrieren scheint, dass die Reflexionstheorien der Naturwissenschaften ihren akademischen Nachbarn mittlerweile selbst bei ihrem ureigenen Gegenstandsbereich hinterher hinken.

Die Entdeckung des Anthropozäns wirkt auf den ersten Blick wie eine Nachricht ohne akademischen Nachrichtenwert. Doch liegt die eigentliche kulturelle Sprengkraft des Anthropozäns nicht im Nachweis einer Durchdringung von Gesellschaft und Natur, sondern in der Tat in der Globalität dieser Durchdringung. Im Anthropozän verschwindet die Natur als gesellschaftliches „Außen“. Damit wird eine maßgebliche soziale Grenzziehung der Moderne ad absurdum geführt.

 

 

Natur als außersozialer Raum

 

Die Grenze zwischen Natur und Gesellschaft prägt das moderne Denken und Handeln. Unablässig weist die Moderne die Natur von sich und versichert sich so ihrer eigenen Identität als Zivilisation, als Sphäre von Politik, Kultur und Technik, als Reich des Gemachten, Gewollten und Geplanten. Für die moderne Gesellschaft war die Natur schon immer ein konstitutives „Außen“. Sie symbolisiert all das, was die Gesellschaft selbst nicht ist.

Die Moderne hat diese Grenzziehung nicht erfunden. Vielmehr muss der Ausschluss von Naturphänomenen und die Verfestigung der Grenzen der Sozialwelt als gradueller Prozess verstanden werden, der bereits in vormodernen Gesellschaftsformationen seinen Anfang nahm. Doch kann die Moderne als erste Epoche begriffen werden, in der Natur und Gesellschaft tatsächlich in aller Schärfe als zwei getrennte ontologische Zonen in Erscheinung treten. Erst diese Trennung lässt die Gesellschaft als eigenlogischen Wirklichkeitsbereich in Erscheinung treten. Die Emergenz der Moderne markiert damit nicht zuletzt das Erscheinen der Gesellschaft als Begriff und einer Wissenschaft, der Soziologie, die sich ganz und gar der Reflexion dieser auf den Begriff gebrachten Gesellschaft verschreibt. Erst die Trennung von Natur und Gesellschaft verleiht der Gesellschaft ihre Identität.

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