Paradoxe Natur. Plädoyer für eine postromantische Ökologie.

 

 

Grüne Gentechnik ist unnatürlich, Natürlichkeit ist gut – sagen die einen. Der Naturbegriff ist überholt, alles ist unnatürlich geworden – sagen die anderen. Und manchmal sagt eine Person beides zugleich. Der Versuch eines zukunftsfähigen Umgangs mit grüner Gentechnik ist in einer inneren Widersprüchlichkeit gefangen, welche die klassischen Instrumente der Kritik stumpf werden lässt. Diese Problematik verweist gleichwohl auf ein viel allgemeineres Phänomen: Unsere gesamte Moderne ist in ihrem Verhältnis zur Natur von einer Paradoxie geprägt.

Einerseits hat die De-Naturalisierung der Welt ein historisch einmaliges Ausmaß erreicht. Das Zeitalter des Anthropozäns ist zugleich das Zeitalter von Biotechnologie und Bioökonomie.

Andererseits ist Natur zu einem gesellschaftlich so bedeutsamen Wert aufgestiegen, dass man regelrecht von einer kulturellen Flucht ins Natürliche sprechen kann. Je mehr die „reine“ Natur verschwindet, desto stärker prägt sie als Symbol unser Denken und Handeln. Während unsere sozio-technische Praxis die Natur zunehmend verdrängt und dadurch die Trennschärfe des Naturbegriffs selbst immer mehr auflöst, ist die Natur zugleich zu einem ubiquitären Leitbild geworden.

Es wäre nun ein Leichtes, angesichts dieser Paradoxie in ideologiekritisches Lamentieren zu verfallen und der Gesellschaft eine kulturelle Schizophrenie zu unterstellen. Die folgenden Überlegungen versuchen, diesem Diskurs zu entgehen und zunächst zu klären, was die Berufung auf Natürlichkeit als Wert im Zeitalter des Anthropozäns überhaupt bedeuten kann. Erst dann lässt sich fragen, ob ein Ausweg aus der Paradoxie gegenwärtiger Naturverhältnisse möglich ist und inwiefern eine kritische Reflexion (bio-)technischer Praxis jenseits der Natürlichkeit gelingen kann.

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